Boob on wall: Gespräch mit Ruth Unger über Elternschaft und Selbstständigkeit im Kunstbetrieb
- Syl Vie
- 28. Apr. 2023
- 4 Min. Lesezeit

An der Arbeit von Ruth Unger "Boob on wall (down the drain)" kommt man einfach nicht vorbei. Wir haben mit der Künstlerin, die in Berlin geboren ist und Leipzig arbeitet, über ihr Werk gesprochen. Und dabei mehr über ihre Sichtweise über das Ausprobieren und Scheitern erfahren, das in keiner Branche so essentiell, zeitaufwendig und unbezahlt sei, wie in der Kunstbranche.
Deine Arbeit "Boob on wall (down the drain)" kommt schnell auf den Punkt, man kommt an ihr einfach nicht vorbei: Wie genau ist es dazu gekommen, gab es einen Auslöser für deine Idee?
Ruth Unger: Ich habe eine ähnliche Arbeit letztes Jahr im Rahmen einer Künstlerinnenresidenz in einem kleinen Dorf in Frankreich gemacht. Damals habe ich direkt an die bestehenden Raumstrukturen eines zum Atelier ausgebauten Stallgebäudes angeknüpft: Das herausstehende Gebälg bildete den Unterbau für vier überdimensionierte Gipsbrüste, die scheinbar aus dem uralten, unregelmäßigen, ja sehr körperlich anmutendem Gemäuer erwuchsen. Die Idee dazu kam aus der Not heraus. Bis zu meiner Ausstellung dort hatte ich nur 2,5 Wochen Zeit etwas Schlüssiges auf die Beine zu stellen und da ich mit meiner ganzen Familie angereist war, konkret mit einem Partner und zwei Kindern unter 3 Jahren, war diese knapp bemessene Schaffensphase abermals verkürzt.
Mein Sohn wollte noch alle 2 Stunden gestillt werden zu dieser Zeit, die milchende Brust war also ein Bild welches sich mir aufdrängte. Ich sah ein, dass es keinen Sinn machte, etwas großartig anderes anzufangen, wofür mir schlicht die Konzentration fehlte. Ich musste mich meiner Situation stellen! Mit den Brüsten, welche unkompliziert in der Herstellung sind und die ihre künstlerische Funktion erfüllen, ist mir, glaube ich, ein bequemer Spagat gelungen. Für die jetzige Ausstellung in der shower Galerie Leipzig lag mir vor allem daran, diesen Effekt im üblichen, white cube ähnlichen, Galeriekontext auszuprobieren.

Hast du Vorbilder?
Ruth Unger: Das ist wirklich eine schwierige Frage. Meine Vorbilder finden sich in allen Genres aus meinem sogenannten Alltag. So sind es vor allem Leute aus meinem persönlichen Umfeld. Mich beeindrucken Charaktere und Widersprüche. Ich habe eine Schwäche für anonyme Kunst, weil es da nicht um Titelverteidigung oder irgendein Image geht.
Aber natürlich inspirieren mich auch die Herangehensweisen von künstlerischen Größen wie Philia Barlow, Norbert Schwontkowski, Kiki Smith, John Water oder Lee Kang-hyo.
Was weißt du über die Betrachter:innen, welches Feedback hast du auf "Boob on wall" bekommen, das bei dir hängen geblieben ist?
Ruth Unger: Ich fand es interessant, wie verschieden die Reaktionen dazu waren. Da gab es die einen, die sagten: 'lass mich in Ruhe mit deinem Feminismus'. Das kommt, glaube ich, weil das Thema gerade so ziemlich wund diskutiert ist und manche dann nicht mehr genau hinschauen, wenn es auch um anderes geht. Die sehen dann eine Brust und bekommen Angst.
Andere waren beeindruckt von der Zartheit, die die Arbeit trotz ihrer Brutalität zum Ausdruck bringt. Absurd und witzig und trotzdem ernsthaft und sachlich. Durch seine 'Natürlichkeit provozierend' oder 'gut, dass du um Mutterschaft im Betrieb kein Geheimnis machst' waren andere Antworten auf die boob. Lustig waren auch zwei sehr coole Teenager, die immer gekichert haben und rot geworden sind beim Anblick.
Du schreibst, dass du mit deiner Arbeit Mutterschaft als geschlechtsneutralen Vorgang in den Blick nimmst: Was verbindest du mit dem Begriff Muttersein? Und wie genau denkst du ihn geschlechtsneutral?
Man hat oft den Eindruck, weder dem eigenen künstlerischen, noch dem Anspruch den man für sich als Elternteil hat, gerecht zu werden. Das geht vielen so. Nicht nur, aber verstärkt im Kunstbetrieb. Denn in keinem anderen Beruf ist das Ausprobieren und das Scheitern so essentiell, zeitaufwendig und unbezahlt, wie in dieser Branche. Das geht den Männern wie den Frauen so.
Ruth Unger: Wenn ich riesige Brüste an Wände modelliere dann habe ich in erster Linie Spaß am Material, der Proportionsverschiebung und dieser schmeichelhaften, sexy Form. Dabei umtreiben mich vor allem Fragen der Vereinbarkeit von Elternschaft und künstlerischer Selbstständigkeit und das Gefühl Potentiale zu vergeuden.
Man hat oft den Eindruck, weder dem eigenen künstlerischen, noch dem Anspruch den man für sich als Elternteil hat, gerecht zu werden. Das geht vielen so. Nicht nur, aber verstärkt im Kunstbetrieb. Denn in keinem anderen Beruf ist das Ausprobieren und das Scheitern so essentiell, zeitaufwendig und unbezahlt, wie in dieser Branche. Das geht den Männern wie den Frauen so.
Muttersein ist für mich eher ein Prinzip als ein individueller Zustand. Es ist das Befolgen eines biologischen Plans: in der gesunden Frau kann, nach männlichem Zutun, ein Kind wachsen, das, wenn sie es austrägt und ernährt im besten Fall über Mutter und Vater hinauswächst, sie überdauern wird. So viel zum sachlichen Ablauf. Wenn man von Mutterschaft spricht, schwingt dabei aber immer auch eine fette Portion Idealismus mit, der wahrscheinlich irgendetwas mit der heiligen Mutter Maria zu tun hat. Die Mutter, als perfekte Frau, die sich kümmert, mitfühlt, aufopfert, macht und tut, der man aber nie etwas ansieht. Total unverbraucht und immer jugendlich, jungfräulich vergießt sie nur ein paar hübsche Tränen als sie ihren toten Sohn in den Armen hält. Ein total verzerrtes Bild von dem ich mich gerne distanziere. Das ist ein schmerzhafter Prozess, denn es ist ein schönes Märchen von der erhabenen Frau.
Es hilft, dass das auch immer mehr Männer realisieren. Auch sie artikulieren ihr riesiges, über Generationen unterdrücktes Bedürfnis nach Nestwärme, Hingabe, Häusligkeit, offener Emotionalität und geschlechtlicher Gleichberechtigung. Ich sehe das Muttersein durch das geschlechtsneutrale Elternsein abgelöst. Denn für mich geht es darum, was man einem Kind mitgeben kann. Und das sind neben endloser Liebe und unzähligen unterschiedlichen Erziehungsmodellen, eben sehr gender-unspezifische, eher individuelle Komponenten, wie zum Beispiel persönliche Erfahrungen, Werte oder Wesenszüge.
Wenn sich die eigene Geschichtlichkeit in Neuerzählung auflöst, sich Verantwortung beängstigend und gleichzeitig lustig anfühlt, du die Tiefe deiner Augenringe und Lachfalten nicht mehr klar bestimmen und voneinander abgrenzen kannst dann hast du wahrscheinlich Kind(er) oder bist seit mindestens 4 Wochen auf einem Cruiseschiff mit viel Koks und unbekanntem Ziel.
Was planst du als nächstes?
Erstmal wieder loskommen und einen regelmäßigen Studioalltag etablieren. Was dann dabei rauskommt kann ich schwer einschätzen. Brüste sind aber erstmal keine weiteren geplant.
Ganz lieben Dank für das Interview, liebe Ruth.
Fotos: Ruth Unger / Instagram @the_nicolas_dupont, @atelierm_menore // Ruth Unger
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