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Eine minimalistische Anleitung den "neuen" Vermeer zu lesen

  • Autorenbild: Syl Vie
    Syl Vie
  • 10. Sept. 2021
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 8. Mai 2023

Ist der "neue" Vermeer besser als die alte Fassung? Wir waren bei der feierlichen Eröffnung "Johannes Vermeer. Vom Innehalten" dabei.


Das 83 mal 64,5 cm kleine und mit Öl auf Leinwand gefertigte Gemälde mit dem Titel “Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster” aus dem Jahr 1659 zählt zu einem der frühen Werke Vermeers.


Ein schwerer, den dahinter liegenden Raum nicht ganz zur Hälfte verdeckender Vorhang führt den Blick des Betrachters wie durch ein Schlüsselloch hindurch und gibt eine junge Frau im Profil frei. Von einfallendem Tageslicht beschienen, hält sie beidhändig einen Brief, den sie regungslos und mit leicht – womöglich zum lautlosen Mitlesen – geöffneten Lippenstudiert. Ein wenig voyeuristisch und intim erscheint der erhaschte Moment auf die Briefleserin.


Fast möchte man sich nur auf Zehenspitzen nähern, um die Szenerie nicht zu stören. Was genau in dem Brief geschrieben steht, blieb dem Betrachter bislang nicht nur aufgrund seiner Unleserlichkeit verborgen. Beschützend wirkt das Dreigespann aus einem Stuhl mit Löwenknäufen, einem in den Raum hineinragenden Tisch, von einem aufgetürmten orientalischen Teppich bedeckt und einem Vorhang, der sich zwischen Briefleserin und neugierige Blicken schiebt.

Eröffnung der Vermeer-Ausstellung mit Angela Merkel


Spiegelung im Fenster: Nur ein vergessenes Detail?


Vermeers‘ Briefleserin und ihr Spiegelbild vermeiden den direkten Blickkontakt. Beide Figuren sind nach innen gekehrt und nach außenverschlossen.


Ein Detail fällt jedoch besonders ins Auge: Das Spiegelbild des brieflesenden Mädchens im geöffneten Bleiglasfenster. Für ein bloßes Abbild Briefleserin viel zu weit ein- und dem Betrachter zugedreht ist; erscheint es fast wie eine zweite Person, die der Briefleserin zur Seite steht. In einer ersten Fassung der Figur der Briefleserin war diese kleiner und mit dem Rücken zum Betrachter stärker eingedreht, das Gesicht dem Fenster weiter zugewandt. Doch passte Vermeer die Fensterspiegelung nicht an die überarbeiteten Maße der Lesenden an. Warum Vermeer als äußerst intelligenter Maler diese Unstimmigkeit auf dem Weg hin zum perfekt komponierten Gemälde nicht behoben hat, bleibt offen.


Vermeers‘ Briefleserin und ihr Spiegelbild vermeiden den direkten Blickkontakt. Beide Figuren sind nach innen gekehrt und nach außenverschlossen.


Der „alte“ Vermeer


Die wenigen Bildelemente in der „alten“ Vermeer-Fassung unterstrichen diese Haltung und damit die zentrale Funktion der jungen Frau als Botschaftsträgerin einer Metapher. Und es lag nahe, dass die Fensterdarstellung anstelle eines Spiegelbildnisses einen sinnbildlichen Einsatz des Spiegels zur Selbsterkenntnis und der Vorstellungskraft darstellte. Die Briefleserin nimmt unter dieser Annahme eine vorbildhafte, demütige Rolle ein, ihre Fensterspiegelung hätte diese Bedeutung unterstrichen. Es wirkte so, als könne sie nichts vom rechten Weg abbringen.


Bis zur Freilegung des Cupidos mangelte es also an klaren Hinweisen zum Inhalt des Briefes, wer dessen Absender war und was in dem Mädchen und ihrem Spiegelbild wohl vorgehen möge.


Der „neue“ Vermeer zeigt nun einen stehenden, nackten Liebesgott, der mit seinem rechten Fuß auf einer Maske steht.

Der „neue“ Vermeer


Der „neue“ Vermeer zeigt nun einen stehenden, nackten Liebesgott, der mit seinem rechten Fuß auf einer Maske steht. Dr. Uta Neidhardt, Oberkonservatorin für niederländische Malerei der Gemäldegalerie Alte Meister, liest den Tritt auf die Maske als einen Hinweis auf die wahre Liebe, die Aufrichtigkeit verlangt. Betrug oder Unaufrichtigkeit werden in dem Moment nichtig, in dem der kleine Liebesgott die Maske zertritt.


Im Vergleich zwischen dem alten und dem neuen Vermeer scheint vor der Cupido-Freilegung im unrestaurierten Werk etwas zu fehlen. Doch auch wenn das Werk nun ausgewogen und das Œuvre des Malers vervollständigt ist, so ist ihm auch wenig der Reiz verloren gegangen, den das ungelöste Rätsel einst mit sich brachte.


Die Ausstellung „Johannes Vermeer. Vom Innehalten“ ist noch bis zum 2. Januar 2022 in Dresden zu sehen.


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Fotocredit:


Johannes Vermeer, Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster, 1657-59, Vor der Restaurierung,

© Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Hans-Peter Klut, Elke Estel


Johannes Vermeer, Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster, 1657-59, Zustand nach der Restaurierung,

© Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Wolfgang Kreische


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