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Feministisch, inklusiv oder woke: Traut euch auf das Spielfeld der Identitäten mit Irène Mélix

  • Autorenbild: Syl Vie
    Syl Vie
  • 15. Apr. 2023
  • 3 Min. Lesezeit
"Heute, nach einer Vielzahl feministischer Wellen, gibt es so viele verschiedene Haltungen, dass leicht der Überlick verloren werden kann, was feministisch, inklusiv, politisch korrekt oder 'woke' sein könnte. Auf dem Spielfeld der Identitäten 'nichts Falsches' zu sagen, mag einem Pfad durch ein Minenfeld gleichen, auf das sich Viele vielleicht gar nicht mehr trauen."

Kerstin Flasche, Kuratorin der Ausstellung "Eine Frage der Nähe, A Question of Closeness, Kunsthaus Dresden


Irène Mélix, Eine Stunde für uns, eine Stunde für unsere Familie, eine Stunde fürs Leben!, 2021, bestickte Streikfahnen


Was mich als (Kunst-)Historikern an Irène Mélix (Studium der Bildenden Kunst in Dresden und Krakau) begeistert, ist ihre Suche nach Geschichte(n). Sie leistet Erinnungsarbeit.¹ Für ihre Arbeit "Eine Stunde für uns, eine Stunde für unsere Familie, eine Stunde fürs Leben!" Sie trägt ihr Wissen in sächsischen Archiven zusammen und findet so Zugang zu einem der größten Streiks im damaligen Königreich Sachsen (1903-04), dem Crimmitschauer Streik der Textilarbeitenden. Die Beschäftigten, von denen ein Großteil Frauen waren, forderten eine bessere Entlohnung und mehr Zeit für ihre Familien. Der Stoff, aus dem ihre Fahnen sind, stammt sogar auch aktueller sächsischer Textilproduktion.


Was mir bei Irène Mélix und ihrer Arbeit aus 2021, aber auch in der gesamten Ausstellung klar wird: Ob Mützen mit Katzenohren, Bildteppiche, Flaggen oder Banner Textilien mit politischen Botschaften und gesellschaftlicher Relevanz ziehen sich wie ein roter Faden durch die Menschheitsgeschichte. Ihr Ziel: sich Gehör verschaffen.


Ich streife weiter durch das Kunsthaus Dresden, das ich mit seiner verwinkelten Architektur liebe und bleibe vor einem großen schwarzen Etwas stehen, das mir auch am Eingang schon aufgefallen ist. Die Kuratorin der Ausstellung, Kerstin Flasche, erzählt mir von dem Verfahren, in dem - aus der Theatertechnik stammend - eine Haare-ähnliche Struktur mit einer einer Klebepistole ähnlichen Vorrichtung auf die Wand geschossen wird, die vorher mit Leim bestrichen wurde. Es erinnert sie an Schimmel, mich an Fell, bei dem jedes einzelne Haar senkrecht steht. Und Achselhaare als politisches Statement


Irène Mélix möchte damit auf das Verborgene hinweisen. Das, was darunter liegt, wie beispielsweise übermalte Hakenkreuze, auf die sie einst bei ihrer Arbeit gestoßen ist.


Angelina Seibert (Absolventin der Dresdner Kunsthochschule) baut ganze Türme aus gefalteten Handtüchern und Bettwäsche, die fast bis an die Museumsdecke reichen. Auf ihrem Instagramprofil finde ich den Grund dafür heraus: die junge Künstlerin und Mutter will ihrer Überforderung Ausdruck verleihen und gleichzeitig auf die übernommenen Verhaltensmuster vorhergehender Müttergenerationen hinweisen.


Um den Bogen zurück zum Textilen zu spannen, sei an dieser Stelle auf die Webereien des 19. Jahrhunderts

verwiesen: Bedingt durch das Ausbreiten neuer Textiltechniken beendeten Frauen ihre Mitarbeit in

den Webereien und kehrten „als Hausfrau und Mutter ins Haus zurück“², damit Handweber ihre Positionen besetzen konnten. Mit großer Wahrscheinlichkeit verweist die Angelina Seibert mit ihrer Handtuchinstallation auch auf die Mehrfachbelastungen von Frauen durch ihre Doppelrolle als Mutter und Berufstätige hin und macht deutlich, dass Geschlechtsverhältnisse auch heute noch immer neu ausgehandelt werden müssen.

When I was young my mother washed me, now I wash everything else.

Angelia Seibert, 2022.


Meine nächste Station sind die Fotografien von Ksenai Kuleshova, ihren Ordinary People, die sie zwischen 2018 und 2022 dokumentarisch begleitet hat. Die Arbeiten der Fotografin zeigen Lesben, Schwule und Transfrauen im Privaten und öffentlichen Raum. Alle Werke sind in Russland aufgenommen, die Abgelichteten leben alle offen homosexuell. Ich empfinde die Bilder als auch die Gezeigten in einem Russland, dass durch seine andauernde Feindseligkeit gegenüber LGBT gekennzeichnet ist, als extrem mutig.



Noch bis zum 30. April ist die Ausstellung "Eine Frage der Nähe" von 7 Künstlerinnen im Kunsthaus Dresden zu sehen. Freitags ist der Eintritt frei.


¹Ausstellungskatalog Irène Mélix

² Zachmann, Karin: Typisch Mann, typisch Frau: Geschlechtsspezifische Arbeitsteilung und technischer Wandel, in: Ferrum: Nachrichten aus der Eisenbibliothek, Stiftung der Georg Fischer AG, Bd. 65, 1993, https://www.e-periodica.ch/cntmng?pid=fer-002%3A1993%3A65%3A%3A104


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