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Ostsee-Fischerei als Zeitzeugen-Reportage: "Lasst für Euch selbst ein Bild von Euch machen"


Seesucht - ein Portrait (fast) aller Ostseefischer von Franz Bischof unf Jan Kuchenbecker

Während die Ostsee-Region im Sommer von Besuchenden überflutet wird, gehört sie sich im Winter wieder selbst. Die Sommertouristen sind schon lange abgereist, Rollläden verstecken die kleinen Fenster vieler Ferienhäuser.


Bei meinem Besuch im winterlichen Ahrenshoop fiel mir ein Bildband mit fast archaisch blickenden Ostfischern in die Hand, der mich nicht mehr losließ. Ihre Gesichter erzählen Lebensgeschichten von harter Arbeit, Gezeiten und Natur, vom Auf und Ab. Keine Klischees, keine Fischerromantik.


Franz Bischof und Jan Kuchenbecker haben in einem außergewöhnlichen Projekt jeden einzelnen Ostseefischer recherchiert, vor Ort besucht und mittels mobilem Fotostudio portraitiert, denn oftmals kamen die Fischer gerade frisch von der Arbeit.


Die Idee wuchs aus einem Zeitungsartikel, der berichtete, dass etwa zwei Drittel aller Fischer das Renteneintrittsalter erreicht hätten. Ein großer Umbruch stand und steht vor der Tür dieses Gewerks.


Ihr habt in eurem Buch „Seesucht" (fast) alle Fischer entlang der gesamten deutschen Ostseeküste porträtiert – von Flensburg bis Usedom, sowohl aus dem westlichen als auch aus dem östlichen Teil Deutschlands. War es für euch wichtig, die Fischer als Teil einer gemeinsamen Identität zu zeigen, und wenn ja, wie habt ihr das visuell umgesetzt?


Franz und Jan: Es war uns natürlich wichtig, die Fischer als Teil einer gemeinsamen Identität und lebendigen Tradition darzustellen. Diese Identität ist tief verwurzelt in der Geschichte und Kultur der Ostseeküste. Viele Fischerfamilien blicken auf eine über Generationen reichende Tradition zurück, wo die Leidenschaft und das Wissen um die Fischerei von Großvater zu Vater zu Sohn weitergegeben werden. Schon als Kinder begleiten die künftigen Fischer ihre Familienmitglieder auf See – ein Erlebnis, das nicht nur ihre Fähigkeiten, sondern auch ihr Gefühl der Zugehörigkeit formt.


Visuell haben wir versucht, diese kollektive und dennoch individuelle Identität einzufangen, indem wir uns bewusst für ein formales optisches Setting entschieden haben. Die Wirkung der reduzierten kontrastreichen und kalttonigen Lichtstimmung vermittelt die raue Alltagswirklichkeit der Fischerei sehr direkt ohne ein zu stark romantisiertes Bild zu erzeugen.


Jedes Portrait erzählt seine eigene Geschichte – und trotzdem sind sie alle durch eine gemeinsame Farb- und Formensprache verbunden, die sich auf das Wesentliche konzentriert, die diesen vielschichtigen Berufsstand und die Menschen, die es verkörpern, in ihrer ganzen lebendigen Vielfalt widerspiegelt.



Wie viele gibt es heute noch und hat sich die Zahl seit der Veröffentlichung vor 5 Jahren bereits verändert?


Franz und Jan: Die genaue Anzahl der Berufsfischer zu ermitteln, ist eine komplizierte Angelegenheit. Zum Zeitpunkt der Erstellung des Buches gab es über 300 Berufsfischer entlang der Küste. Diese Zahl ist seitdem stark gesunken, was vor allem an wirtschaftlichen und ökologischen Herausforderungen, liegt. Fotografiert haben wir die den Hauptteil der über 220 Portraits aus "Seesucht" in den Jahren 2018/2019.


Schon damals waren die Fangquoten für die sogenannten "Brotfische", Dorsch und Hering sehr niedrig aber als im Jahr 2022, mehr oder weniger einen Fangstop seitens der EU für die wichtigsten Fischarten aller deutschen Ostseefischer verkündet wurde, setzte ein regelrechtes Fischereisterben ein. Ökologisch war dieser wichtige Schritt sicherlich notwendig aber er führte auch dazu, dass viele Fischkutter abgewrackt wurden, Verarbeitungsmöglichkeiten größerer Mengen Frischfisch an der deutschen Ostseeküste heute nicht mehr existieren und viele Fischer daraufhin mit 56 Jahren in die Seemannsrente gegangen sind.


Grob geschätzt sind heute nur noch etwa die Hälfte der Protagonisten aus "Seesucht" im Haupterwerb als Fischer aktiv.



Jan, du schreibst, dass du die Bildästhetik von Rolf Nobel, einem ehemaligen Fotografie-Professor in Hannover, und dessen Reportagestil über Sea-Coaler sehr schätzt. Welche Fotografinnen und Fotografen inspirieren euch noch?


Jan Kuchenbecker: Die Ausbildung bei Rolf Nobel hat uns in vielerlei Hinsicht geprägt und ist für unsere künstlerische Entwicklung von unschätzbarem Wert. Besonders schätzen wir, dass er uns die Ansätze von Eugene Smith nahegebracht hat, einem Fotografen, dessen emotionale Tiefe und Einfühlungsvermögen in seinen Bildern uns sehr inspiriert haben. Smiths Fähigkeit, unter schwierigen Bedingungen eine humanistische Perspektive zu bewahren, hat uns gelehrt, beim Fotografieren immer das Menschliche im Mittelpunkt zu sehen.

Darüber hinaus gibt es Fotografinnen wie Sally Mann, deren Werk mich beispielsweise ebenfalls stark beeinflusst hat. Ihre Arbeit mit der 8x10 Großformatkamera und die persönlichen, intimen Momente vom Aufwachsen ihrer Kinder, die sie im Bild festhält, sind von einer Intensität und Emotionalität, die selten erreicht wird. Ihre Fotografien, obwohl technisch anspruchsvoll und oft mit starren Geräten erstellt, strahlen eine Menschlichkeit und Wärme aus, die inspirierend ist.


Franz Bischof: Die Liste mit inspirierenden Fotografen ist nahezu endlos lang. Es gibt nicht den einen Fotografen oder die eine Art der Herangehensweise, sondern so viele individuelle Positionen, die mich bei der Umsetzung von Reportagen, Serien oder Buchprojekten beeinflusst haben. Das sind viele der dokumentarisch arbeitenden Fotografen wie Carl de Keyzer, Chris Killip, Mark Power und Martin Parr, oder das phänomenale Buchprojekt "Raised by Wolves" von Jim Goldberg.


Ich komme aber selbst auch aus einer Künstlerfamilie aus dem ehemaligen Ost-Berlin und spontan fallen mir natürlich die wunderbaren Arbeiten von Arno Fischer, Sibylle Bergemann oder Helga Paris ein.


Eure Bilder haben eine bestimmte Bildästhetik, fast archaisch wirken die Abgebildeten. Habt ihr diesen Stil gleich im Kopf gehabt oder hattet ihr Anfangs möglicherweise etwas ganz vor Augen und seid zwischenrein „abgebogen“?


Franz und Jan: Von Anfang an hatten wir klare Vorstellungen, wie wir die Geschichte visuell umsetzen wollten. Das Buch „In the American West“ von Richard Avedon war für uns beide eine entscheidende Inspirationsquelle, mit seiner Fähigkeit, Personen in ihrer Umgebung durch klar strukturierte Portraits zum Leben zu erwecken. Uns zog die Wirkung der seriellen, schwarz-weißen Großformatfotografie an, doch wir entschieden uns, für unser Projekt einen modernen Ansatz zu wählen, nämlich eine digitale Farbfotografie. Dazu haben wir ein kleines mobiles Studio konzipiert, welches sich an fast jede räumliche Begebenheit anpassen ließ und maßgeblich den Stil geprägt hat. Diese Arbeitsweise haben wir nahezu unverändert vom ersten bis zum letzten Motiv beibehalten.


Wir haben uns bemüht, einen Rahmen zu schaffen, der Elemente der klassischen Portraitfotografie aufgreift, gleichzeitig aber den technologischen Fortschritt der digitalen Fotografie nutzt, um die Farbnuancen und Details dieser rauen Welt einzufangen.


Unsere Bildsprache entwickelte sich somit nicht zufällig, sondern war das Resultat bewusster Entscheidungen, die moderne Technik und klassische Ästhetik miteinander zu vereinen, um den Menschen vor der Kamera möglichst gerecht zu werden.



Frauen setzen sich auch in ehemals als reine Männerberufe verstandenen Gewerken durch, bei den 228 Portraitierten habe ich eine Frau entdeckt, Kathrin Mundt. Habt ihr mit ihr über ihre Gründe für ihre Entscheidung gesprochen, Fischerin zu werden?


Franz und Jan: Kathrin Mundt stellt in gewisser Weise eine Ausnahmeerscheinung dar. Obwohl Frauen in der Fischerei stark unterrepräsentiert sind, verkörpert Kathrin den Wandel und die Vielfalt dieses Gewerbes. In unseren Gesprächen mit ihr wurde schnell deutlich, dass die Entscheidung, auf dem Kutter mitzuarbeiten, eine Herzensentscheidung bedeutet. Sie bringt eine bemerkenswerte Leidenschaft und Entschlossenheit mit, um in diesem traditionell männlich dominierten Feld Fuß zu fassen.


Interessant war, dass wenn wir uns richtig erinnern, sie sich nicht als eigentliche Berufsfischerin sieht, da der Betrieb offiziell von ihrem Mann geführt wird und sie auch bei der Verarbeitung und dem Verkauf der Ware aktiv ist. Trotzdem teilt sie jede Gelegenheit mit ihm, um aufs Meer hinauszufahren und direkt am Fischeralltag teilzunehmen. Ihre Präsenz in der Fischerei erinnert uns daran, dass sich auch traditionelle Berufsbilder im Wandel befinden und neue Geschichten entstehen – Geschichten, die wir auch als Fotografen weiterverfolgen und dokumentieren möchten.


Ihr habt euch im Kreativprozess dafür entschieden, dass nicht nur einer von euch die Fischer fotografiert, sondern ihr beide. Ihr wolltet euch abwechseln. Interessanterweise sieht man diese Entscheidung euch abzuwechseln euren Bildern nicht an. Wie seid ihr vorgegangen, um diese einheitliche Bildsprache zu zeigen? Und hat das von Anfang an gleich funktioniert?


Franz und Jan: Die Entscheidung, dass jeder von uns die Fischer abwechselnd fotografiert, erwies sich als kluger Ansatz, um eine einheitliche Bildsprache zu entwickeln. Uns war von Anfang an klar, dass wir dieses große und aufwendige Projekt nicht alleine stemmen wollten. In unseren bisherigen Erfahrungen mit anderen Fotoarbeiten hatten wir oft erlebt, wie es zu Spannungen kommen kann, wenn ein Bild heraussticht und der andere Fotograf dadurch in den Hintergrund gedrängt wird. Daher entschieden wir uns für ein System, das beide Perspektiven gleichwertig behandelt.


Wir reisten mit einem mobilen Fotostudio entlang der Küste und suchten die unterschiedlichsten Locations auf, um die Fischer in ihrer Umgebung zu porträtieren. Diese Flexibilität ermutigte uns, spontan auf die Gegebenheiten vor Ort einzugehen und gleichzeitig eine konsistente äußere Struktur zu schaffen. Wir etablierten ein replizierbares Setup, das uns half, die Einheitlichkeit in der Bildsprache aufrechtzuerhalten, obwohl wir unterschiedliche Stile und Ansätze mit einbrachten.


Durch diesen klaren Rahmen konnten wir beide unsere Eigenheiten und Perspektiven einbringen, ohne dass diese die visuelle Kohärenz der Serie gefährdeten. Fotografen und Fischer haben vielleicht in ihrer Arbeit einige Gemeinsamkeiten, einschließlich einer gewissen Eigenbrötler-Mentalität (beide lachen). Letztlich half uns diese gemeinsame Herausforderung aber, den Fokus auf das Wesentliche – die Geschichten der Fischer – zu legen und diese in einer harmonischen und einheitlichen Bildsprache zu erzählen. Solch ein umfangreiches Projekt als Team zu verwirklichen war daher auch eine tolle Erfahrung, die so nicht unbedingt selbstverständlich ist im normalen Fotografenalltag.


Fünf Jahre nach „Seesucht“ - was hat sich seit dem getan? Steht ihr noch im Kontakt mit den Ostseefischern? Haben sich für euch aufgrund des Buches spannende Anschlussprojekte ergeben, die beim Thema ansetzen?


Franz und Jan: Es ist fast unglaublich, dass seit der Veröffentlichung von „Seesucht“ bereits fünf Jahre vergangen sind. Die Fischerei an der Ostseeküste hat sich weiter massiv verändert, und viele der damals Porträtierten haben den Beruf inzwischen aufgegeben, da die wirtschaftlichen und ökologischen Bedingungen es nicht mehr zuließen, in der Fischerei nachhaltig tätig zu sein. Diese Entwicklungen verdeutlichen umso mehr den Wert unseres Projekts als zeitgeschichtliches Dokument.


Der Kontakt zu einigen Fischern besteht noch immer, sei es durch neue Reportagen und Recherchen oder durch die großformatigen Ausstellungen, die über die Jahre in Zusammenarbeit mit den Machern des Festivals "Horizonte" aus Zingst, entlang der Küste gewandert sind. Dabei wurde deutlich, welchen hohen Stellenwert das Projekt für die Identität so vieler Menschen entlang der Ostseeküste hat. Im Nachklang zum Projekt ergaben sich vielfältige Kooperationen mit verschiedenen Institutionen und Unternehmen und für 2025 hoffen wir auf eine erneute Realisierung der Wanderaustellung.


Die ursprünglich von der VG-Bildkunst geförderte Arbeit könnte sicherlich ein Vorbild für weitere Projekte sein, allerdings haben auch wir oft gemerkt, wie komplex und schwierig es ist, eine Finanzierung zu ermöglichen, noch dazu immer mit dem Gedanken im Hintergrund, dass solche aufwändigen Vorhaben großes Engagement und oft auch externe Unterstützung erfordern, um die Geschichten dieser besonderen Menschen und Berufe festzuhalten.


"Seesucht" könnt ihr euch in jedem Buchhandel bestellen oder direkt bei Franz Bischof via Mail an mail(at)franzbischof.de.

(v.r.n.l: Franz Bischof, Jan Kuchenbecker)


Franz und Jan – ich danke euch für eure Zeit und das Interview.



Fotos: Franz Bischof


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