Warum Gerhard Gundermann bis 2038 ein spannender Zeitzeuge ist
- Syl Vie
- 31. Okt. 2021
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 8. Mai 2023

Dafür liebe ich das Staatsschausspielhaus Dresden: Haltung zeigen und mutig Stellung zu Themen beziehen, die wehtun. Im Stück "Gundermann: alle oder keiner" schalt nicht nur die Forderung durch den Saal, dass "jeder der hierbleiben will, soll hierbleiben dürfen." Auch greift es mit dem Ost-Liedermacher Gerhard Gundermann ein Thema auf, das mit Blick auf den Klimwandel gekonnt einen Diskurs anstößt. Ohne vor den Kopf zu stoßen.
Aber von vorn: Der Ost-Liedermacher Gerhard Gundermann ist nicht nur musikalisch sehr interessant. Die Hintergründe seiner Biografie zusammen mit seiner Arbeit als Baggerfahrer im Tagebau sind aus zwei Blickwinkeln bemerkenswert.
Einmal ist es sein streitbarer Geist, der in seiner Überzeugung an Joseph Beuys erinnert, zum anderen spiegelt seine Zeit eine Generation wider, die sich zum zweiten Mal mit einer politischen Wende konfrontiert sehen dürfte, wie sie einst in den 90er Jahre stattfand. #historyrepeating?
Für die DDR war die Braunkohle eine der wichtigsten Energieträger. Der Preis war hoch: Abrissbagger fraßen Dörfer und Städte, die Platz für kilometerweite Gruben machen mussten. Und bis heute ist sie ein wichtiger Arbeitgeber für die Menschen, die in der Lausitz leben. Bis 2038 zumindest noch - denn dann soll mit der Kohleförderung endgültig Schluss sein.
Und so ist der Liedermacher ein spannender Zeitzeuge, den das Staatsschauspielhaus Dresden erneut mit "Gundermann: alle oder keiner" aufleben lässt. Und das gleich mehrfach: 6 Gundermänner*innen mit der typischen Gundi-Friese, kraftvollem Hochziehen und in Hosenträgern begeistern mit ihrer Gesangsstärke.
O-Töne von Freunden, Kollegen und der Mutter, die als Video zu sehen oder deren Stimmen zu hören sind, weiten den Blickwinkel auf die Zeit aus, in der Gundermann als Aktivist lebte und agierte. Zu sehen sind marode Waschräume für die Baggerfahrer im Tagebau, in denen die Nässe seit Jahren in die Wände gekrochen ist.
Intelligent führt das Stück zwei Perspektiven zusammen - die des überzeugten Bergmanns, dem klar geworden ist: Wenn wir Energie gewinnen, in dem wir Heimat verheizen, ist Wärme gewonnen, aber Heimat verloren. Und die der Menschen, die Zeit ihres Lebens einer extrem anstrengenden körperlichen Arbeit nachgegangen sind und sich erneut einem Wandel gegenüberstehen sehen, bei dem heute noch nicht sicher ist, wie er gelingen kann.
Gundermann zeitgenössisch zu lesen hilft besser zu verstehen, was die Menschen in der Lausitz zur Zeit umtreiben dürfte. Das macht seine musikalische Hinterlassenschaft zu einem Zeitdokument, in dem es sich zu blättern lohnt.
Mehr Informationen zu "Gundermann: alle oder keiner" unter https://www.staatsschauspiel-dresden.de/spielplan/a-z/gundermann-alle-oder-keiner/.
Foto: Staatsschauspielhaus Dresden / Sebastian Hoppe
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